Der Mythos von der Kohlenstoffschuld

Ein Gastbeitrag von Prof. Roland Irslinger

4. Februar 2026

Die Klimawirkung der energetischen Nutzung von Waldholz aus nachhaltig bewirtschafteten
Wäldern wird in Öffentlichkeit und Politik kontrovers diskutiert. Dabei wird oft argumentiert,
die Verbrennung setze den gespeicherten Kohlenstoff unmittelbar frei. Das Nachwachsen
neuer Biomasse dauere dagegen Jahrzehnte bis Jahrhunderte (sog. payback time). Eine
Energieform, die heute CO2 freisetze und diese erst in Jahrzehnten wieder binde, sei daher
klimapolitisch problematisch.

Der Hintergrund für diese irreführende Behauptung ist die sog. Kohlenstoffschuld (carbon
debt). Die carbon debt ist ein theoretisches Konstrukt, das für die Beurteilung von
Großkahlschlägen in tropischen Regenwäldern entwickelt wurde. Selbstverständlich dauert
es viele Jahrzehnte, bis nach der Fällung eines Baumes bzw. nach einem Großkahlschlag
die Nachfolgebäume das freigesetzte CO2 am Ort der Holzernte wieder gebunden haben.
Auf nachhaltige Waldwirtschaft, wie dies in Deutschland üblich ist, ist dieses Konzept jedoch
nicht anwendbar.

 

Ob die energetische Nutzung von Holz kohlendioxid(CO2-)neutral ist, hängt vom Einfluss der Holznutzung auf den Kohlenstoff (C-)-Speicher der Waldlandschaft ab. Nachhaltige Waldwirtschaft bedeutet, dass nicht mehr Holz genutzt wird, als nachwächst. Die Summe aus Nutzung und Störungen durch Käfer, Dürre oder Stürme ist in Deutschland sogar dauerhaft kleiner als der Zuwachs. Holznutzung senkt den C-Speicher der Landschaft damit zu keinem Zeitpunkt.

Gäbe es die carbon debt tatsächlich und das Nachwachsen neuer Biomasse würde auch bei nachhaltiger Waldbewirtschaftung Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern, dann müsste sich dies in der Entwicklung der Holzvorräte niederschlagen. Eine historische Betrachtung der Holzvorräte in Deutschland zeigt jedoch eine ganz andere Entwicklung. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ernten wir in Deutschland jedes Jahr den größten Teil des Zuwachses. Die jährlich geerntete Holzmenge ist auf der gesamten Waldfläche bereits am Ende der auf die Ernte folgenden Vegetationsperiode nachgewachsen, also bereits zu einem Zeitpunkt, an dem das CO2 aus der Holzverbrennung noch gar nicht in die Atmosphäre gelangt ist. Wäre die Vorstellung von einer carbon debt wahr, hätten sich die Holzvorräte in Deutschland in den letzten Jahrzehnten so entwickelt, wie in Abbildung 2 dargestellt. Gäbe es in unserem Wald tatsächlich eine carbon debt, wären die Holzvorräte in Deutschland je nach Nutzungsprozent auf heute 10 (in rot) bzw. 50 % (in blau) des Wertes von 1945 abgesunken. Dies ist nicht der Fall, die Holzvorräte sind seit 1945 bekanntlich um 85 % (in grün) gestiegen!

Abb. 2:
Grün: tatsächliche Holzvorratsentwicklung in Deutschland von 1945 bis 2025 (80 Jahre)
Blau: fiktive Holzvorratsentwicklung bei einer carbon debt (Nutzungsprozent: 1 %)
Rot: fiktive Holzvorratsentwicklung bei carbon debt (Nutzungsprozent: 3 %)

Es ist daher falsch, zu behaupten, es dauere Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis der bei der Verbrennnung von Holz freigesetzte Kohlenstoff wieder im Wald gebunden ist. Es ist vielmehr umgekehrt, der Kohlenstoff ist bereits wieder im Wald gebunden, bevor das Holz verbrannt ist. Diese Aussage gilt unabhängig davon, ob das Holz als Scheitholz oder Holzpellets verbrannt wird. Bei nachhaltiger Waldwirtschaft gibt es keine carbon debt!

Nachhaltige Waldwirtschaft bedeutet, dass jedes Jahr nur ein sehr kleiner Teil der Bäume
(des Holzvorrates) genutzt wird, auf der Restfläche wächst der Wald jedoch weiter, schneller
als ohne Nutzung, und bindet dabei Kohlendioxid. Der Beurteilungsmaßstab für die sofort
wirksame CO2-Neutralität von Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft darf deshalb nicht der
Einzelbaum bzw. der einzelne Waldbestand sein, sondern die Landschafts- bzw. nationale
Ebene.

Abb. 1: Da sich das atmosphärische CO2 wie eine Glocke um die Erdatmosphäre legt, ist für eine Beurteilung der Klimawirksamkeit von Wäldern allein die Landschafts-bzw. nationale Ebene relevant.

Denn das hinter der nachhaltigen Waldwirtschaft stehende Prinzip ist, dass Zeit durch Raum ersetzt wird. Das lang dauernde Nachwachsen der Biomasse eines einzelnen Baumes oder Waldbestandes wird auf weniger als ein Jahr reduziert, weil die Bäume auf der sehr viel größeren nicht genutzten Fläche die Ernte von Holz auf der kleinen genutzten Fläche kurzfristig durch Photosynthese kompensieren. Die Bundeswaldinventuren sind ein Beweis für diese Aussage.

Die energetische Nutzung von Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern ist daher kurzfristig erneuerbare Energie und leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Energiewende. Die kurzfristig wirksame CO2-Neutralität von Holz ist eine systemimmanente Eigenschaft nachhaltiger Waldwirtschaft, sie ist wissenschaftlich unwidersprochen und politisch nicht verhandelbar.

Roland Irslinger, Jahrgang 1949, war von 1982 bis 2014 Professor für Waldökologie an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar. Er forschte in der Mata Atlantica, dem atlantischen Regenwald Brasiliens, und war beratend tätig beim Aufbau des WWF-Goldstandards zur Zertifizierung von Aufforstungsprojekten für den Klimaschutz. Er ist Mitglied im Kuratorium Nachhaltiges Wirtschaften.

Copyright © 2008-2026 DEPV. Alle Rechte vorbehalten.